Eins + Eins = Deux


jeudi 01 dcembre 2016
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Frankreichs Mathematiker sind Weltklasse. Regelmäßig werden sie mit den wichtigsten internationalen Preisen ausgezeichnet. Davon ist Deutschland weit entfernt, was an den unterschiedlichen Studiensystemen liegt, meint der deutsche Professor Dr. Meinolf Geck, der lange in Frankreich gelehrt hat - ein Porträt.


© Scoobay













"Wer sich in Frankreich für Mathematik begeistert, wird nicht gleich schräg angesehen,das ist in Deutschland leider anders", lacht Meinolf Geck, der sich, trotz des schlechten Rufs der Mathematik in seiner Heimat, diesem Fach verschrieben hat. "Das begann inder Schule, ich war einfach gut in Mathe und mein Lehrer hatte offene Ohren für alle, die über den normalen Unterricht hinaus etwas wissen wollten." 

1983 begann der heute 53-Jährige in Aachen sein Studium. Nach dem Diplom ging es für ihn nach England, Frankreich, Tokio, Lausanne und Schottland. Es folgten zahlreiche Lehr- und Forschungsaufträge, Buchveröffentlichungen und Auszeichnungen. Eine beeindruckende Karriere, die zeigt, wie international die Mathematik ist.

Frankreich taucht in Meinolf Gecks Lebenslauf immer wieder auf, dabei wollte ereigentlich lieber in den englischsprachigen Raum. Als 30-Jähriger verschlug es ihndann aber für einen Monat nach Amiens und an die Pariser Eliteschule École Normale Supérieure. Eine harte Zeit für ihn, der damals nur ein "primitives Schulfranzösisch" sprach. "Ich hatte keine spezifische Affinität zu Frankreich, aber der Zufall wollte, dassich auf einer Konferenz Kollegen aus Paris kennenlernte, die mich als Gastprofessor einluden." 

Ein glücklicher Zufall, von dem viele träumen, denn nirgendwo sonst auf der Welt gibtes so viele exzellente Mathematiker wie in Paris und Umgebung. Das Spitzenforschungsnetz Fondation Sciences Mathématiques de Paris (FSMP) umfasst rund 1 000 Forscher und ist weltweit die größte Institution im Bereich der Mathematikwissenschaften. Frankreich ist nach den USA die Nation, die die meisten Träger von Fields-Medaillen, die wichtigste Auszeichnung für Mathematiker unter 40 Jahren, hervorbringt.

Ab ins Forscherparadies

In Deutschland dagegen bricht derzeit mit 47 Prozent fast die Hälfte der Mathestudenten ihr Studium ab. "Tatsächlich, so viele", staunt Meinolf Geck, mahnt jedoch, diese Zahl zu relativieren, weil sich darunter viele Erstsemester befänden, die sich für Mathe ohne Numerus clausus einschrieben, um auf einen anderen Studienplatz zu warten. 

Und trotzdem meint er, liege es an den Unterschieden im Studiensystem, dass die Franzosen so viel besser seien. Wer dort zur Weltelite gehören will, schreibt sich nicht an einer normalen Uni ein, sondern bereitet sich in den "classes préparatoires" zwei harte Jahre lang auf die Eliteunis vor, an denen nur die Besten ihres Faches gezielt gefördert werden. Wer von so einer Schule kommt, hat schon als Mitzwanzigjähriger Aussichten auf eine feste Beamtenstelle am Centre national des recherches scientifiqus (CNRS), wo man sich ungestört von Lehr- und Verwaltungspflichten seinen Recherchen widmen kann. 

Eine Art Forscherparadies, das in den Fields-Medaillen-Himmel führt und das sich kein anderes Land der Welt leistet. Meinolf Geck kam von 1995 bis 1999, vier Jahre lang, selbst in diesen Genuss, als er am CNRS im Bereich der Gruppentheorie unter der Leitung von Frankreichs Mathe-Koryphäe Michel Broué forschte. 

"Noch heute frage ich mich oft: Wie würde Michel das jetzt machen?", erzählt Geck, der jedoch nicht ausschließlich in der Forschung bleiben wollte und begann, an der Universität in Lyon zu unterrichten - keine Eliteuni, und trotzdem war das Niveau dort "etwas höher" als an der Universität Stuttgart, wo Geck zusammen mit seiner rumänischen Frau, die er in Frankreich kennenlernte, seit vier Jahren lehrt. Beide arbeiten am Institut für Algebra und Zahlentheorie. 

"In dem Bereich geht es darum, Symmetrien zu verstehen, also, warum es sie gibt, bei chemischen Kristallen zum Beispiel, und darum, welche Lösungen man aus dieser Regelmä?igkeit ableiten kann", erklärt er geduldig. Man kann sich gut vorstellen, dass der sympathische Professor seine Leidenschaft den Studenten vermitteln kann. 

Die Anziehungskraft des Privatsektors


Doch auch wenn sich das Matheniveau der Schüler in den letzten Jahren laut Pisa-Studie verbessert hat, hat das Fach noch immer einen schweren Stand in Deutschland. "Ein Rätsel, zumal es eine so große Ingenieurskultur bei uns gibt. Während die meisten Mathe-Doktoranden in Frankreich an der Uni bleiben wollen, möchten viele meiner deutschen Studenten lieber in die Wirtschaft, weil sie zum Beispiel bei Daimler oder Siemens exzellente Forschungsabteilungen finden", erklärt Geck. 

Bei der Frage, ob es an Goethe liege, stutzt der Wissenschaftler. Dabei ist sie keinesfalls aus der Luft gegriffen, denn das hatte sein Kollege Christian Hesse in der Süddeutschen Zeitung behauptet. Schon der große Dichter "habe sich als ?zahlenscheu' bezeichnet und hatte einen regelrechten Hass auf die Mathematik". Weil Goethe noch immer großen Einfluss genieße, halte sich das Klischee vom Mathe-Nerd, so Hesses These.  

"Ich glaube, es liegt eher am Einfluss der Eltern, die ihren Kindern sagen, dass sie ja selbst so schlecht in Mathe waren", schmunzelt Geck. Aber das hält ihn nicht davon ab, sich weiter für sein Fach stark zu machen. Ob in Deutschland oder Frankreich, wo er für sein hohes Engagement bei der Arbeit mit Doktoranden vom französischen Bildungsministerium ausgezeichnet wurde.
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