"Nicht hart, kalt und autoritär - sondern häufig guter Laune"


jeudi 27 avril 2017
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Zum zweiten Mal haben es die Rechtspopulisten in Frankreich in die zweite Runde der Präsidentschaftswahl geschafft. Die deutsche Journalistin Tanja Kuchenbecker beschäftigt sich in ihrem neuen Buch mit der mächtigen Frau an der Spitze des Front National.


© Blandine Le Chain
















"Marine Le Pen hat viele verschiedene Gesichter", sagt Tanja Kuchenbecker. Von sehr aggressiv bis zahm und tolerant könne die Politikerin die unterschiedlichsten Register ziehen. In einem Interview erklärte Le Pen einst, sie sei nicht halt, kalt und autoritär, sondern habe einfach oft gute Laune. Eine "hochintelligente Frau", sagt die deutsche Journalistin, doch es sei ein beklemmendes Gefühl in ihrer Nähe zu sein.

Seit Jahren hat Tanja Kuchenbecker, die seit 1991 in Paris lebt, Le Pens Aufstieg verfolgt, sie bereits auf mehrere Reisen begleitet, was ihr von einigen Seiten schon den Titel der "Le Pen-Expertin" eingebracht hat. Im Februar hat Kuchenbecker ihr neues Buch Marine Le Pen: Tocher des Teufels veröffentlicht.

Natürlich habe sie gezögert, ob sie sich so lange mit Marine Le Pen und den Rechtsextremen beschäftigen wolle, gesteht die Autorin auf ihrer Buchvorstellung am 24. April in Paris. Ein Jahr lang hat sie schließlich an ihrem Buch geschrieben, in dem sie der Frage nachgeht, was Marine le Pen so hoch gebracht hat - politisch, wie auch privat.

Spätestens seit Marine Le Pen 2011 den Vorsitz des rechtsextremen Front National übernommen hat, bestimmt sie das politische Geschehen in Frankreich erheblich mit. Am vergangenen Sonntag haben sie die französischen Wähler in die zweite Runde der Präsidentschaftswahl am 7. Mai geschickt.

"Tochter des Teufels"


Aus deutscher Sicht sei Le Pen immer geheimnisvoll geblieben, sagt Kuchenbecker. Auch die klassischen Parteien in Frankreich wüssten nicht so recht mit ihr umzugehen. Daher sei es wichtig, die Rechtspopulisten ganz pragmatisch zu betrachten und vor allem nicht zu verteufeln.

"Tochter des Teufels" sei daher auch nicht als eine Herabwürdigung zu verstehen, sondern greife allein den Namen auf, der Vater Jean-Marie Le Pen von Seiten französischer Medien oft gegeben wird.

Zu ihrem Vater hat Marine Le Pen seit ihrer Kindheit eine sehr enge Bindung. Als die Tochter 16 Jahre alt war, verließt die Mutter die Familie für ihren Geliebten. 15 Jahre lang hatten Mutter und Tochter keinen Kontakt. Marine Le Pen studierte später an derselben Eliteuniversität in Paris wie ihr Vater. Nun steht sie, wie er 2002 gegen Jacques Chirac, in der Stichwahl der französischen Präsidentschaftswahl.

2015 machte Marine Le Pen Schlagzeilen, als sie gerichtlich durchsetzte, dass Jean-Marie Le Pen aus der jahrzehntelang von ihm geführten Partei ausgeschlossen wurde. "Eine strategische Abweichung vom Vater" hin zu einem "FN light", wie Tanja Kuchenbecker erläutert.

"Nicht von Kaiserin Merkel herumkommandieren lassen"


Marine Le Pen will Frankreich wieder stark machen, ihr Thema Nummer eins ist die Einwanderung. Flüchtlinge bringt sie in Verbindung mit Terrorismus, sie setzt auf den Austritt Frankreichs aus der Euro-Zone und den Trump-Effekt. Tatsächlich ließen sich einige Ähnlichkeiten mit dem amerikanischen Präsidenten erkennen, erklärt Kuchenbecker, beispielsweise in Sachen Wählerschaft. Hier setzten beide Politiker auf die oft frustrierte, sich abgehängt fühlende Bevölkerung in der Provinz. In Frankreich fühlen sich bei den herrschenden Parteien heute viele nicht mehr aufgehoben. 

Mit Trump scheint Le Pen außerdem ihre Abneigung gegenüber "Kaiserin Merkel" zu teilen, von der sie sich nicht herumkommandieren lasse, wie sie im Rahmen ihrer Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik verkündete. Ihre Europafeindlichkeit verpacke Le Pen geschickt in eine Deutschlandfeindlichkeit, was in Frankreich besser ankäme, sagt Kuchenbecker. Marine Le Pen würde eine große Unsicherheit, das Ende der EU bedeuten, "auch für Deutschland wäre das problematisch".

Nach der ersten Wahlrunde riefen mehrere Politiker, darunter François Fillon, Alain Juppé und Benoît Hamon, ihre Anhänger dazu auf, bei der Stichwahl für den Gegenkandidaten Emmanuel Macron zu stimmen. Einer Umfrage des französischen Meinungsforschungsinstituts Ipsos zufolge, wird Macron in der zweiten Wahlrunde rund 62 Prozent der Stimmen erhalten, Marine Le Pen wollen dahingegen nur etwa 38 Prozent der Wähler ihre Stimme geben.

Tanja Kuchenbecker warnt jedoch davor, sich nicht vorzeitig in Sicherheit zu wiegen. Eine Unsicherheit stellten beispielsweise die Nichtwähler dar. Eine hohe Wahlabstinenz könnte Marine Le Pen, die über eine sehr treue Wählerschaft verfügt, zugute kommen. Außerdem dürfe man nicht vergessen, "dass es eine große populistische Dynamik und eine Europa-Skepsis in Frankreich gibt, die sich im Wahlergebnis wiederspiegeln könnten." 


Tanja Kuchenbecker : Marine Le Pen: Tochter des Teufels. Vom Aufstieg einer gefährlichen Frau und dem Rechtsruck in Europa, Herder Institut, 224 Seiten, 22,99 Euro.
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