Von Mathias Nofze

Schiefe Töne in der Philharmonie


vendredi 16 janvier 2015
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Paris gilt in Europa nicht unbedingt als Hochburg der klassischen Musik. Mit der Einweihung der neuen Philharmonie im Januar 2015 soll sich das nun ändern. Doch Planungsschwierigkeiten und Fehlkalkulationen stören schon seit längerem das Konzert.





 
Der 14. Januar 2015 ist der Tag, dem die Pariser "mélomanes", wie sich die Musikfreunde auf Französisch nennen, seit Jahren entgegenfiebern. An diesem winterlichen Mittwoch wird die neue Philharmonie im Nordosten der Hauptstadt ihre Pforten öffnen. Bereits in den 1970er-Jahren von Pierre Boulez gefordert und in den 1990ern ins Planungsstadium getreten, ist der spektakuläre Musiktempel nun endlich fertig - zumindest fast. Neidisch schaute man an der Seine seit Jahren auf luxuriöse Konzerthallen in Kopenhagen, Luxemburg, Dortmund, Luzern oder Los Angeles. Selbst in Teneriffa lockt ein aufregendes Auditorium die Musikliebhaber an. Im Vergleich wirken die Pariser Konzertsäle wie die Salle Pleyel, das Théâtre du Châtelet oder das Théâtre des Champs-Elysées fast ein bisschen angestaubt.

Der neue Musentempel jedoch, entworfen von dem französischen Architekten Jean Nouvel, spricht die Sprache der Moderne - kühl, spannungsreich, kantig, eigenwillig. Das Ganze wirkt, als hätten sich nach einem Erdbeben gigantische Stahlplatten ineinander verkeilt - schiefe Ebenen überall. Im Inneren dieses vielflächigen Komplexes finden ein großer Saal mit 2 400 Plätzen, zwei große und fünf kleinere Probenräume sowie zehn Studios, eine Galerie und ein Restaurant Platz. Für Autofahrer, die sich demnächst auf der Pariser Stadtautobahn der Porte Pantin im Osten nähern, wird die neue Philharmonie schon von Weitem erkennbar sein. Aus dem bizarren Schichtgebirge ragt ein monumentaler Querriegel heraus. Darauf wird das aktuelle Konzertprogramm projiziert - vor allem in der Dunkelheit ein Hingucker.
Im großen Saal sitzen die Zuhörer auf verschiedenen Terrassen vor und auch hinter der Bühne. Die Konzeption ist als "Weinberg-Modell" bekannt, mustergültig realisiert in der Berliner Philharmonie von Hans Scharoun. Der optische Gesamteindruck wird vom Schwung und den fließenden Linien der Balkone bestimmt, die wie Gondeln im Raum schweben. Weltniveau soll die Akustik bieten. Der Saal wird mit einem ausgeklügelten System aus festen und variablen Reflektoren bestückt, durch die der Raum je nach Bedarf "gestimmt" werden kann: für ein intimes Klavierrecital, einen Gesangsabend, ein Sinfoniekonzert, eine konzertante Oper oder ein Jazztrio.


Bauschutt mit Glamour

Hinter den Kulissen geht es weniger glamourös zu: Mehrfach wurde der Eröffnungstermin der Philharmonie verschoben, zuletzt kippte die geplante Einweihung im September 2014. Rund 380 Millionen Euro wird das Projekt Stadt und Staat kosten - statt ursprünglich geplanter 200 Millionen. Das sorgt verständlicherweise für Ärger. Die Stadt Paris hat sich gar geweigert, den letzten Nachschlag in Höhe von etwa 40 Millionen mitzutragen. Auf der Baustelle unmittelbar neben der Cité de la musique im Parc de la Villette wird weiterhin fleißig gewerkelt. Die erste Saison steht schon - wenn sie auch nur eine halbe ist. Sie soll Signalwirkung haben, denn es gilt, die Philharmonie vor dem Vorwurf zu schützen, eine elitäre Institution zu sein. Alle sollen an ihr teilhaben, schreibt Laurent Bayle im Vorwort zum Programmheft der Saison. Der Präsident der Gesellschaft der Philharmonie, zugleich auch Direktor der Cité de la musique, spricht emphatisch vom "Überwinden von Gräben" und von einer "Erneuerung" des Konzerterlebnisses.
Die sinfonische Musik von Mozart bis Mahler solle nicht mehr als Spitzenleistung der Tonkunst gelten, sondern gleichberechtigt neben anderen Musikrichtungen wie Jazz, Pop, Rock oder Weltmusik stehen. Der in Frankreich beliebte Terminus dafür lautet: "Demokratisierung der Kultur". Geplant sind etwa eine lange Nacht mit traditioneller indischer Ragamusik, ein Gastspiel der britischen Rockband Tindersticks und ein Wochenende mit dem Jazzpianisten Brad Mehldau. Trotzdem wird sich die Philharmonie vor allem der sinfonischen Musik widmen. Orchester aus aller Welt haben sich angesagt: Die Berliner Philharmoniker kommen ebenso wie das Concertgebouw-Orchestra Amsterdam, die New Yorker Philharmoniker und renommierte Barockspezialisten wie die Capella Reial de Catalunya.
Auch der internationale Solistenzirkus gastiert ab Januar in Paris: von Martha Argerich über Lang Lang, Thomas Quasthoff, Hilary Hahn, Jessye Norman und Ute Lemper. Hochkarätig also das Angebot, doch die Preise sollen weiterhin "demokratisch" bleiben. So kosten Karten für die Berliner Philharmoniker zwischen 33 und 80 Euro, für das Orchestre de Paris zahlt man im günstigsten Fall nur 17 Euro.


Eine neue Ära für die Klassik in Paris

Die Internationalität des Programms wird sorgsam ausbalanciert durch eine starke nationale  Komponente. Die Philharmonie versteht sich schließlich auch als Spiegel des französischen Musiklebens. Die "musikalischen Kräfte des Landes" will Laurent Bayle "zusammenführen" und hat dafür rund 25 französische Orchester eingeladen. Insgesamt sind bis Juni 270 Konzerte geplant, rund 100 000 Besucher will man erreichen. Das Jahresbudget beziffert Bayle auf 33 Millionen Euro. Davon sollen 15 Millionen über Eintrittskarten und Sponsorengelder hereinkommen, 18 Millionen sind Zuschüsse von Stadt und Staat.
Mit der Einweihung der Philharmonie beginnt auch eine neue Ära für das Orchestre de Paris: Das Ensemble unter Leitung von Paavo Järvi wird Hausherr in der neuen Spielstätte sein. Keine Frage also, dass man die beiden Eröffnungskonzerte am 14. und 15. Januar bestreitet. Aber auch danach wird das Orchester mit Konzerten und Lehrprogrammen das Leben der Philharmonie prägen. Für die Salle Pleyel wird ebenfalls ein neues Kapitel aufgeschlagen. Betrieben von der Cité de la musique und bisher Spielstätte des Orchestre de Paris, soll der Art-Déco-Saal verpachtet werden und künftig populäre Musik auf hohem Niveau anbieten - Klassikkonzerte sind vertraglich untersagt. Andere Konzertsäle wie das Théâtre des Champs-Elysée, die Salle Gaveau oder das Théâtre du Châtelet müssen ihr Publikum bei der Stange halten. Nicht leicht, zumal weitere Konkurrenz im Anmarsch ist. Am 14. November wurde das neue Auditorium von Radio France mit 1 400 Plätzen eröffnet und in zwei Jahren soll die Cité musicale auf der Île Seguin eingeweiht werden. Paris gilt als Stadt der Mode und der Kunst. Nun schickt man sich an, auch die Stadt der Musik zu werden. 
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