Mit Mobilität zu mehr Engagement


vendredi 05 mai 2017
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Welche Rolle spielen junge Menschen im Wahljahr 2017? Wir haben mit der Generalsekretärin und dem Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks, Dr. Markus Ingenlath und Béatrice Angrand, über Politikverdrossenheit, Engagement und die Zukunft Europas gesprochen.


Dr. Markus Ingenlath und Béatrice Angrand © Laurence Chaperon


Der Jugend wird gerne Politikverdrossenheit vorgeworfen. Wie steht es Ihrer Meinung nach auf beiden Seiten des Rheins um dieses Thema?

Béatrice Angrand: In Frankreich gehen rund 30 und in Deutschland etwa 23 Prozent der jungen Menschen nicht wählen. Dahingegen haben wissenschaftliche Studien des Deutschen Jugendinstituts oder des französischen Institut National de la Jeunesse et de l'Éducation Populaire gezeigt, dass junge Menschen durchaus bereit sind, sich für Themen zu engagieren, die ihnen wirklich am Herzen liegen. Diese Art von Engagement sollte anerkannt werden. Außerdem Ich denke, dass es sinnvoll wäre eine digitale Form des Wählens einzuführen, um mehr junge Menschen anzusprechen und um die Abgabe Ihrer Stimme abzugeben.

Markus Ingenlath: Dass wir generell Politikverdrossenheit haben und junge Menschen nicht mehr zu Wahl gehen, sehe ich nicht. In beiden Ländern sind junge Menschen auch aktiv. Allerdings nimmt die jüngere Generation in Europa - deren Eltern schon nur Frieden und Demokratie in Westeuropa kennengelernt haben - heute viele Dinge als selbstverständlich wahr. Wenn etwas selbstverständlich ist, schätzt man es nicht mehr und tendiert dazu, es zu vernachlässigen. Deshalb ist es besonders wichtig, dass wir in Deutschland wie in Frankreich mehr Angebote für politische Bildung haben.


Welche Rolle spielt die Jugend in Bezug auf die anstehenden Wahlen in Deutschland und Frankreich?

BA: In Frankreich hat die Jugend in den Programmen der politischen Parteien eine weniger wichtige Rolle gespielt als noch vor fünf Jahren. Dadurch dass ihre Altersklasse nicht direkt ein Thema der Kampagnen ist, fühlt sie sich weniger angesprochen. Viele junge Menschen sind versucht, extrem zu wählen, was ein gewisses Unwohlsein darüber ausdrückt, dass sie ihren Platz in der Gesellschaft nicht finden, oder er ihnen nicht gemacht wird. Die Jugend kann sich stark mobilisieren und so beispielsweise auch eine Rolle spielen, was den Platz der Extremen betrifft. Die politischen Parteien sollten der Jugend in ihren Programmen größere Aufmerksamkeit schenken.

MI: Im Vorfeld der Wahlen gab es in Frankreich besorgniserregende Umfragen, die eine gewisse Radikalisierung der Jugend zeigten. Das auch damit zu tun, dass es in Frankreich weniger berufliche Perspektiven gibt als in Deutschland. Mit einer Jugendarbeitslosigkeit von über 20 Prozent und vielen befristeten Verträgen ist es schwierig, sich eine Zukunft aufzubauen. Beide radikalen Seiten - sowohl links, als auch rechts - haben diesbezüglich Versprechungen gemacht, die auf einen eigenen französischen Sonderweg bauen. Es ist klar, dass Jugendliche in prekären Situationen dem Gehör schenken. In Deutschland wird die Jugend sicherlich auch eine Rolle spielen, weil sie  Meinungsumfragen zufolge eher kleinere Parteien als die Parteien der Großen Koalition unterstützen wird.


Ab welchem Alter können sich junge Menschen engagieren?

BA: Beim DFJW bieten wir Projekte für junge Menschen von 3 bis 30 Jahren an. Natürlich spricht man mit einem dreijährigen kleinen Kind nicht über Politik, aber es kann die Eltern beispielsweise schon zum Wählen begleiten. Diese Art der Sensibilisierung und Bildung sollte das ganze Leben lang stattfinden. Engagement kann schon sehr früh beginnen, beispielsweise was soziale oder humanitäre Fragen betrifft. Kürzlich haben wir ein deutsch-französisches Projekt von 14-jährigen Schülern zum Thema nachhaltige Entwicklung unterstützt.

MI: Ein schönes Beispiel ist das des Bürgermeisters von Berck-sur-Mer, der zum jährlichen Schulbeginn im Herbst in die Schulen geht, um aus Anlass der Klassensprecherwahlen mit den Schülerinnen und Schülern das Wählen durchzuspielen - mit richtigen Wahlkabinen und -urnen. Auf diese Weise lernen sie schon sehr jung  den Sinn für Demokratie. Auch was das Alter junger Menschen angeht, kann ich nur sagen: möglichst früh. Schon innerhalb der Familie sollten sie anfangen, von klein auf in einem begrenzten Bereich Verantwortung zu übernehmen. Eltern und dann auch Lehrer müssen ihnen vermitteln, dass sie mit eigenem Engagement etwas bewegen können. Denn in der Gemeinschaft hat jeder Bürger das Recht, aber auch die Pflicht, sich einzusetzen. Dieser Gedanke ist heute etwas verlorengegangen. Das DFJW hält ihn seit 10 Jahren mit dem Deutsch-Französischen Freiwilligendienst lebendig, den junge Menschen in ganz unterschiedlichen Einsatzbereichen wie Soziales, Ökologie, Kultur, Sport, Schulen und _Hochschulen sowie Verwaltung leisten können.  


Können Deutschland und Frankreich voneinander lernen, was die politische Teilhabe junger Menschen betrifft?

BA: Ich als Französin finde eine Institution wie die Bundeszentrale für Politische Bildung großartig, die zum größten Teil von der Regierung selbst finanziert wird und gleichzeitig eine Art Kontrolle ihrer politischen Programme ausübt. Von Deutschen in Frankreich höre ich oft, dass das Vereinswesen weniger finanziell unterstützt, dafür aber sehr lebhaft ist. Es gibt sicherlich viele Möglichkeiten, voneinander zu lernen, aber das Wichtigste ist, sich gemeinsam zu engagieren und um Europa zu kämpfen.

MI: Deutschland kann sicherlich die Institution der Jugendparlamente (conseils jeunesse)  von Frankreich übernehmen. Das ist aus dem republikanischen Gedanken heraus eine  französische Tradition, die aber durchaus auch in Deutschland vorstellbar ist.


Wie engagiert sich das DFJW im Wahljahr 2017 konkret, um das Interesse und Engagement der Jugend im Bereich Politik zu erhöhen?

MI: Zusammen mit unseren Partnern versuchen wir positive Impulse zu setzen. Die Organisation Vote&Vous hat beispielsweise nach deutschem Beispiel für die französische Präsidentschaftswahl einen Wahl-O-Mat erstellt und vor kurzem ein Barcamp in Marseille veranstaltet. Die Rückbegegnung findet im Juni in Hamburg statt. Und diese Woche haben wir in Paris mit jungen Deutschen und Franzosen einen deutsch-französischen Ministerrat simuliert, bei dem auch über die deutsch-französische Agenda der nächsten fünf Jahre diskutiert wurde. Dann haben wir zum Beispiel noch einen Wahlzettel, der Kindern das Wahlsystem in Deutschland und Frankreich erklärt und sie fragt, was sie verändern würden, wenn sie Präsident beziehungsweise Bundeskanzlerin wären. Die besten Ideen wollen wir an den Elysée und das Bundeskanzleramt weiterleiten.

BA: Auf diese Weise versuchen wir jungen Menschen Möglichkeiten zu geben, Verantwortung zu übernehmen und gleichzeitig ein Sprachrohr für sie sein; ihnen die Möglichkeit geben, Empfehlungen zu formulieren, die wir dann an die Politik weitergeben. Wichtig ist, das auf einem digitalen oder partizipativen Weg zu machen, der die Jugend anspricht.


Wie sieht das von Seiten der Regierung in Deutschland und Frankreich aus? Wird hier genug getan, um die Zivilgesellschaft und speziell die Jugend einzubinden?

MI: Seit bald 55 Jahren geben beide Länder erhebliche finanzielle Mittel, zur Zeit etwa 11 Millionen Euro pro Jahr, für den deutsch-französischen Jugendaustauch. Das ist eine großartige Geste, zu der  andere Länder wie zum Beispiel Großbritannien nie bereit waren. Das bleibt nicht ohne Folgen: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass  junge Menschen, die einmal einen gut vorbereiteten und begleiteten Austausch erlebt haben, hinterher tendenziell auch bereiter sind ist, sich zu engagieren. Wir fördern daher gezielt die Partizipation junger Menschen, zum Beispiel durch Projekte, die von jungen Menschen selbst konzipiert wurden. Das wäre alles nicht möglich ohne das Geld, das die beiden Länder geben. Dass man darüber hinaus noch vieles machen könnte, ist selbstverständlich.

BA: In Frankreich gibt es sehr viele zivilgesellschaftliche Initiativen, in Großstädten, auf dem Land und auch auf digitaler Ebene. Es ist ein großes Potenzial da, aber es fehlt die Schnittstelle zur Politik. Die Politik bleibt eher konservativ, klassisch organisiert. Bei der Präsidentschaftswahl beispielsweise konnten zwei Personen aus zivilgesellschaftlichen Bewegungen nicht kandidieren.


Die Europäische Kommission bietet bereits verschiedene Initiativen für junge Menschen in Europa an. Werden damit alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen erreicht?

MI: Von der Mobilitätsinitiative Erasmus+ wird zumindest behauptet, dass sie alle Schichten erreicht. Die europäischen Initiativen zur Senkung der Jugendarbeitslosigkeit erreichen sicherlich nicht alle jungen Menschen, weil letztlich die Mitgliedsstaaten innerhalb der EU für Arbeitsmarktpolitik zuständig sind. Eine Vergemeinschaftung in diesem Politikbereich, zum Beispiel beim Arbeitslosengeld, würde eher eine Bewegung nach unten darstellen, weil die wirtschaftliche Leistungskraft der einzelnen EU-Länder sehr unterschiedlich ist. Ich warne deshalb davor,  zu viel von Initiativen der Europäischen Union zu erwarten, wenn die Mitgliedsstaaten nicht mitziehen wollen.


Welche Zukunft hat die Europäische Union vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen? Hat die Jugend die Hoffnung in Europa schon aufgegeben?

BA: Das glaube ich nicht. Es gibt viele junge Menschen, die sich für Europa engagieren und der Überzeugung sind, dass man gemeinsam stärker ist. Das sind jedoch häufig junge Menschen, die bereits eine Erfahrung mit Europa gemacht haben. Deswegen soll man das Angebote an Programme wie die des DFJW stärken und ausbauen. Vielen Bürgern ist jedoch unklar, welchen Beitrag sie genau leistet. Hier ist es an der EU, aber auch den Mitgliedsstaaten, den Bürgern verständlich zu machen, inwiefern Europa ihnen nutzt.

MI: Ich glaube dass junge, gut ausgebildete Menschen, die schon Mobilitätserfahrungen innerhalb Europas gemacht haben, ein sehr positives Europabild haben. Aber es gibt eben auch die anderen, die weniger gute Startchancen ins Leben hatten. Für diese jungen Menschen ist die Vorstellung von Europa oft nur damit verbunden, dass ihnen Arbeitsplätze vorenthalten oder weggenommen werden. Daher brauchen wir ausgebildete junge Menschen und eine Reform der Bildungssysteme. Als Teil dieser Bildungsoffensive in Europa sollten wir eine Mobilitätsoffensive starten, um das Versprechen von Erasmus+, jedem jungen Menschen in Europa während seines Bildungsweges eine Auslandserfahrung zu ermöglichen, einhalten zu können. Davon sind wir bisher noch weit entfernt.


Haben Sie eine persönliche Empfehlung an die Jugend?

MI: Jeder junge Mensch sollte eine ihm passende Ausbildung machen, einen Beruf erlernen, der ihn zufrieden macht, und neben Englisch mindestens eine weitere Fremdsprache lernen. Und offen sein für Mobilitätserfahrungen! Man findet auch anderswo Freunde! Wichtig ist, dass man einen Beruf hat, der einen innerlich trägt - und zwar als Junge wie als Mädchen.

BA: Mir liegt es am Herzen so vielen jungen Menschen wie möglich bewusst zu machen, dass im Leben vieles von einem selbst abhängt. Wir wollen die jungen Menschen bei diesem Prozess des sich Bewusstwerdens begleiten. Und meine zweite Empfehlung: Schaut über den Tellerrand hinaus!

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